Satelliten sehen keine "Waldbrände". Sie sehen Hitze: ein Pixel, das wärmer ist als seine Umgebung, in dem Moment, in dem der Satellit zufällig überflog. Ein Brand, der zwei Wochen wütet, ergibt also keinen schönen zusammenhängenden Fleck, sondern eine Wolke einzelner Meldungen, verteilt über Tage und Kilometer. Die eigentliche Frage ist nicht "wo brennt es", sondern: welche dieser Punkte gehören eigentlich zusammen?
Genau das ist das Problem, das WaldbrandRadar löst, bevor überhaupt irgendetwas auf der Karte erscheint.
Schritt 1: welche Punkte bilden zusammen einen Brand?
Die Grundregel ist einfach: zwei Hitzepunkte gehören zum selben Brand, wenn sie nah genug beieinander liegen, sowohl in Entfernung als auch in Zeit. Was "nah genug" genau bedeutet, behalten wir lieber für uns, aber denk an eine Größenordnung von ein paar Kilometern und etwas mehr als einer Woche.
Das Interessante liegt in dem, was danach passiert. Diese Regel wird nämlich durchgeschaltet: wenn Punkt A zu Punkt B gehört, und B zu C, dann fallen A, B und C automatisch in denselben Brand, auch wenn A und C selbst zu weit auseinanderliegen, um direkt verknüpft zu werden. So wächst ein Cluster mit einem Brand mit, der sich über Tage oder Wochen ausbreitet, genau wie ein echter Brand das auch tut: Schritt für Schritt, nicht auf einmal.
Dieser Ansatz ist nicht selbst erfunden. Er basiert auf einer Methode aus der wissenschaftlichen Literatur (der sogenannten FIRED-Studie), die gegen fast 14.000 tatsächlich dokumentierte US-amerikanische Waldbrandkonturen abgeglichen wurde.
Der Haken: Verkettung
Genau diese Domino-Eigenschaft, die einen ausdehnenden Brand gut verfolgt, hat auch eine Kehrseite. Denk an eine Gasfackel bei einer Raffinerie: die ist nicht jeden Tag aktiv, aber wohl alle paar Tage einmal. Ohne Korrektur verkettet sich so eine Quelle über Monate mit sich selbst zu einem einzigen riesigen "Brand", der nie existiert hat.
Das ist kein theoretisches Risiko: genau das ist passiert. Bevor dies korrigiert wurde, waren die größten "Brände" von 2026 in unseren Daten überhaupt keine Brände, sondern die Raffineriestädte Skikda und Bethioua in Algerien. Die Lösung: ein Cluster darf nicht länger dauern als einen festen Zeitraum. Dauert er länger, wird er automatisch verworfen. Ein echter Brand von mehreren Wochen passt da problemlos hinein, eine industrielle Hitzequelle, die monatelang vor sich hin schwelte, nicht.
Erst nachdem ein Brand diesen Test besteht, und genug Hitzepunkte hat, um ernst genug zu sein, bekommt er einen eigenen Namen, Standort und gegebenenfalls eine eigene Seite.
Schritt 2: welche Form bekommt er auf der Karte?
Zu wissen, welche Punkte zu einem Brand gehören, ist eine Sache. Eine ordentliche Form darum zu zeichnen, ist ein anderes Problem, und das lösen wir in einem separaten, späteren Schritt.
Zwei Fallstricke mussten dabei vermieden werden. Der erste: zwei Brände, die zufällig ein paar Kilometer auseinanderliegen, dürfen nicht als ein großer Fleck verschmelzen. Das passierte zum Beispiel bei Castronovo di Sicilia, wo vier eigenständige Brände fast zu einer Form gezeichnet wurden, nur weil sie relativ nah beieinander lagen. Die Lösung: beim Zeichnen der Form wird strenger geclustert als beim Erkennen des Brands selbst, und wir behalten nur die Punkte, die am nächsten am Kern genau dieses einen Brands liegen.
Der zweite Fallstrick liegt in der Art der Form selbst. Der naheliegende Ansatz, eine "Convex Hull", also das straffe Gummiband um die äußersten Punkte, funktioniert schlecht bei Bränden, die sich entlang eines Tals oder Berghangs hinziehen. So ein Gummiband füllt jede Kurve und Bucht mit Gebiet auf, das nie gebrannt hat. Wir verwenden stattdessen eine Form, die die tatsächliche Punktwolke viel enger verfolgt. Der Unterschied ist nicht gering: bei einem Brand mit genau denselben 21 Hitzepunkten war die genauere Form rund 24 % kleiner in der Fläche, als die Standard-Gummiband-Methode gezeigt hätte: 530 Hektar statt 698.
Hat ein Brand zu wenige Punkte für eine zuverlässige Form, zeichnen wir keine Form, sondern einfach einen Kreis in der Größe der gemeldeten Hektarzahl.
Warum in zwei Schritten?
Weil es zwei verschiedene Fragen sind. Der erste Schritt entscheidet, was als Brand-Ereignis in die Bücher eingeht: das passiert einmal, sorgfältig, mit einer großzügigeren Marge, um auch einen sich ausdehnenden Brand gut verfolgen zu können. Der zweite Schritt betrifft, wie dieser bereits feststehende Brand auf der Karte aussieht, und nutzt dafür bewusst eine engere Marge, nur um zu verhindern, dass die gezeichnete Form visuell in einen anderen Brand in der Nähe übergeht.
Und danach: erreicht der Rauch deinen Campingplatz oder dein Hotel?
Ein Brand in 20 Kilometern Entfernung kann harmlos sein, oder genau der Grund, warum du an diesem Abend nicht draußen sitzen kannst: es hängt fast vollständig vom Wind ab. Auf jeder Campingplatz- und Unterkunftsseite steht deshalb eine "Rauchwolken-Einschätzung", getrennt von den gewöhnlichen Luftqualitätswerten darüber.
Diese beiden Dinge sind absichtlich nicht dasselbe. Die Luftqualitätswerte (PM2,5, CO usw.) stammen aus einem atmosphärischen Modell (CAMS-Europe, über Open-Meteo) mit einer Auflösung von etwa 11 Kilometern: gut geeignet für die Einschätzung städtischer Luftverschmutzung, aber zu grob, um die schmale Rauchwolke eines mittelgroßen Brands genau zu erfassen. Ein niedriger Wert dort ist also keine Garantie, dass vor Ort nichts zu riechen ist.
Die Rauchwolken-Einschätzung geht anders vor: ein Gauß'sches Ausbreitungsmodell, dieselbe Methodenfamilie, die auch in offizieller Luftausbreitungssoftware verwendet wird (etwa AERMOD, üblich bei der Genehmigung von Industrieemissionen). Es kombiniert Windgeschwindigkeit und -richtung beim Brand, die Entfernung zu deinem Standort, und die Anzahl der Satelliten-Hitzepunkte als grobes Maß für die Größe des Brands, zu einer Schätzung, wie viel Rauch einen bestimmten Ort erreichen könnte.
Auch das ist keine selbst erfundene Formel. Die Grundlage ist die klassische Gauß'sche Ausbreitungsgleichung (zurückzuführen auf Pasquill, 1961), mit den Ausbreitungskoeffizienten (wie breit und wie hoch die Rauchwolke wird, je weiter sie sich vom Brand entfernt) aus Briggs (1973), der bei den Oak Ridge National Laboratories entwickelten und seitdem zum Standard gewordenen Parametrisierung, die bis heute in nahezu jedem Lehrbuch und jeder Praxisanleitung zur atmosphärischen Ausbreitung vorkommt, darunter das klassische EPA-Nachschlagewerk von Turner (1970), gegen das die genauen Koeffizienten in unserer Berechnung geprüft wurden.
Wichtig zu wissen: es ist ein relativer Index (höhere Zahl = mehr geschätzter Rauch), keine Vorhersage in einer echten Einheit wie µg/m³. Es gibt nämlich keine verlässlichen Daten darüber, wie viel Rauch ein Brand einer bestimmten Größe tatsächlich ausstößt: diese Annahme wäre Scheinpräzision. Auch wird kein thermischer Auftrieb der Rauchwolke berücksichtigt (bei einem heißen, heftigen Brand steigt Rauch oft erst hoch auf, bevor er wieder sinkt); wir gehen von Rauch aus, der nah am Boden bleibt, was für einen Camper am Boden die vorsichtigere Annahme ist.
Ein kontraintuitiver Punkt verdient besondere Aufmerksamkeit: wenig Wind ist nicht unbedingt sicherer. An einem ruhigen Abend, besonders nachts, kann Rauch gerade hängen bleiben, statt sich zu verdünnen und wegzuwehen, dasselbe Prinzip, durch das sich Nebel in einer stillen, klaren Nacht bildet. Das Modell berücksichtigt dies über den Grad der atmosphärischen Durchmischung (die sogenannte Pasquill-Stabilitätsklasse); eine niedrige Windgeschwindigkeit führt also nicht automatisch zu einer niedrigen Rauch-Einschätzung.
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